Jacky and his Strangers

Jacky and his Strangers, eine "Kultband" im alten Berlin

1973 - ich war neu in Berlin. Vom "Lande" gekommen - genauer von der Insel Sylt, bekam ich natürlich ganz schnell mit, dass das Stadtleben so manche Verlockung bot. Dazu zählte das Nachtleben; nein, nicht das Besuchen von teuren Tanztempeln, sondern das Besuchen von Musikkneipen, die der schmalen Studenten-Geldbörse schon eher angemessen waren.
"Wo kann man denn abends mal so hingehen?" fragte ich etwas blauäugig in die Runde. "Heute Abend - da gehst Du am besten in die Tarantel", antwortete eine Frau, "da spielt ne echt tolle Band."
"Wo ist denn das?" "In Kreuzberg, fast an der Mauer, U-Bahn Schlesisches Tor und dann in der Köpeniker Straße."
Gegen halb neun erreichte ich das Ziel. Es war wirklich - damals - fast das Ende der (westlichen) Welt.
Die "Tarantel" war schnell gefunden, eine der vielen kleinen Kneipen Berlins, die mehrmals die Woche auch Live-Musik brachten. Es war noch nicht viel los. Einige - in meinen Augen - schon recht alte Herren bauten die Instrumente und die Anlage auf. An einem der Tische saß ein älterer in schwarz gekleideter Mann und spielte mit einem anderen Gast Schach. Alles machte einen ruhigen Eindruck. Und hier sollte heute noch eine tolle Band spielen? Langsam wurde ich skeptisch. Wann würden die Musiker kommen? Und wer waren die Leute, die alles aufbauten?
Die Zeit verging. Gegen Zehn passierte dann alles auf einmal. Das Schachspiel war zuende. Diejeningen, die die Instrumente aufgebaut hatten, tranken noch ein Bier, rauchten noch eine Zigarette und gingen dann mit dem Schachspieler auf die Bühne.
Ein kurzer Blick ins Publikum, wie es wohl nur Jacky kann, und dann rockten sie los: "Hello Josephine".
... und immer so weiter. Meine anfängliche skeptische Haltung wandelte sich in pure Begeisterung!
Das war das erste Konzert, das ich erlebte. Und immer, wenn ich las oder hörte, dass "Jacky and the Strangers" spielten, dann ging ich hin. Da baute sich natürlich auch eine persönliche Beziehung auf. Ich erlebte die legendären Nächte in der Alten TU-Mensa und sah sie spielen auf dem Atze-Fest. So erlebte ich sie 20 Jahre.

... und dabei auch einige Merkwürdigkeiten.
So geschah es, dass Jacky and his Strangers an einem Buß- und Bettag auftraten. Die damaligen Gesetze und Vorschriften schrieben aber vor, dass "Unterhaltungsmusik mit Gesang" an diesem Tag nicht erlaubt war.
So spielten Jacky und seine Strangers etwas getragener - und ohne Gesang.

In den vielen Jahren der Bandgeschichte gab es auch einige Wechsel.
Ich habe erlebt, wie Jacky mit großer Geduld versuchte, mit einem noch sehr jungen Gitarristen das Bandprogramm einzuüben. Den habe ich aber dann nicht wieder bei ihm gesehen.

Nach meinem Wegzug aus Berlin hatte ich natürlich keine Gelegenheit mehr, diese ursprüngliche Band zu hören. Da war ich sehr froh, dass eines Tages auf ARTE ein Bericht über Jacky erschien. Gefreut habe ich mich auch, als er in einem Filmbeitrag über den AFN auftauchte.

... und immer wenn ich mal wieder in Berlin war, wurden natürlich die Programmblätter Tip und Zitty studiert, um herauszufinden, ob Jacky noch spielte. So auch 1999. Wir pilgerten nach Tegel und erlebten die Band auf den Festwiesen. Jacky war (fast) ganz der Alte, plauderte nach dem Konzert noch etwas mit uns und gab ein Bier aus.
Das war leider das letzte Mal, dass ich ihn sah.

Er schenkte mir eine Autogrammkarte - und jeder, der Ihn kannte, weiß, dass das "herzlichst - Jacky" auch wirklich so gemeint war.

Autogrammkarte

Fender Gitarre und Verstärker

Jacky CD Cover

Die Band:Jacky Spelter (†): Gesang und Gitarre
Pit: Melodiegitarre
Franz: Saxofon&Akkordeon
Peter: Bass;
Harry: Schlagzeug †
Jacky and his Strangers 1999  in Tegel
Jacky and his Strangers, die dienstälteste Rock`n`Roll Band mit ihrem Bandleader Jacky, der inzwischen 75 Jahre alt ist. Die Band begeistert seit  Jahrzehnten und spielte wohl in allen Häusern, die in Berlin Lifeauftritte ermöglichen. Schon legendär sind die Auftritte in der alten TU-Mensa. Die Band hat auch heute noch eine feste Fangemeinde, die immer wieder aufschlägt, wenn es heißt: "Jackie and his Strangers spielen", wie am 15. August 1999 in Tegel anlässlich des "Sommer Boulevard" Gitarre und Saxofon
Jakcky als Frontmann Jackie voll in Aktion!
Wenn die Band sich warmgespielt hat, das Publikum anfängt, voll mitzugehen, dann ist Jacky-Zeit! Der Meister und seine Gitarre laufen zur Höchstform auf.
Zum Kongress der Mathematiker im Jahre 1998 war ein großer Auftritt. Die Life-CD zeigt einen authentischen Mitschnitt - leider etwas lieblos zusammengestellt und nicht so toll bearbeitet.
Kürzlich war Jacky auch mal wieder im Fernsehen:

Arte zeigte ein einstündiges Fernsehportrait, und hier eines
vom WDR auf YouTube: 

https://www.youtube.com/watch?v=xobxJtWHups

Auch in dem Film "Das Leben ist eine Baustelle"
(1992) Regie: Wolfgang Becker
wirkte Jacky mit.

Jacky, Gitarre und Gesang
Gitarre und Verstärker, alt, aber Kult Das gibt es heute nicht mehr!
Gitarre und Verstärker stammen noch aus der "Gründerzeit" des Rock`n`Roll, der Fender- Verstärker war der erste, der nach Europa kam!
Am 12.Mai 2004, 13 Uhr, verstarb Deutschlands ältester Rock'n'Roller
Jacky Spelter in der Berliner Charite nach fünfmonatigem Leiden.
Am 1. August wäre er 77 Jahre alt geworden.

Weitere Infos auf der Seite von Joachim Hartmut


Zur "Trantel", in der einige Konzerte von "Jacky and hist Strangers" stattfanden - insbesondere über den Betreiber - gibt es einen interessanten Spiegel-Online-Artikel: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-22328672.html

Auch die ZEIT befasst sich mit dem Titel "Tod im Grunewald" mit den Vorgängen (die allerdings nichts mit den Konzerten in der Tarantel und Jacky zu tun haben):
http://www.zeit.de/2012/18/Verfassungsschutz-NSU-Schmuecker


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Alle Fotos: CPG

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